Interview mit Marlitt Wendt: Feinfühlig kommunizieren mit Pferden
Marlitt Wendt gehört zu den wenigen Stimmen im deutschsprachigen Pferdebereich, die wirklich unbequeme Fragen stellen – und dabei trotzdem konstruktiv bleiben. Als Trainerin, Buchautorin und Verhaltensbiologin hat sie sich über Jahre einen Ruf erarbeitet, der weit über die klassische Reitlehre hinausgeht. Beim Pferdehilfe Sonnenhof e.V. war sie regelmäßig zu Gast, und bei einem dieser Besuche haben wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie ausführlich zu sprechen.
Das Gespräch drehte sich um eine Frage, die uns alle beschäftigt: Wie kommunizieren Pferde wirklich – und wie können Menschen lernen, diese Sprache zu verstehen, statt sie zu übergehen?
„Das Pferd lügt nicht – der Mensch hört nur nicht zu"
Marlitt, du sagst oft, Pferde seien die ehrlichsten Gesprächspartner, die wir haben. Was meinst du damit konkret?
Ein Pferd kann keine Mimikry betreiben wie ein Mensch. Es kann nicht lächeln, wenn es leidet. Es kann nicht freundlich tun, wenn es Angst hat – zumindest nicht dauerhaft. Was wir bei Pferden als „Kooperation" interpretieren, ist oft schlicht die Abwesenheit von Widerstand. Das ist etwas völlig anderes. Echte Kommunikation bedeutet, dass beide Seiten aktiv Teil des Gesprächs sind.
Wie erkennst du den Unterschied?
Am Körper. Immer am Körper. Ein Pferd, das wirklich mitgeht, hat einen anderen Tonus, eine andere Haltung, eine andere Aufmerksamkeit. Die Ohren sind weich und beweglich, die Kaumuskulatur locker, der Blick klar. Ein Pferd, das nur funktioniert, zeigt das Gegenteil – auch wenn der Reiter oder die Reiterin dabei denkt, alles laufe toll.
Körpersprache als gemeinsame Sprache
Einer der zentralen Punkte in Marlitt Wendts Arbeit ist die Idee, dass Kommunikation mit Pferden keine Technik ist – sondern eine Haltung.
Du schreibst viel über Körpersprache. Was müssen Menschen lernen, um sich einem Pferd gegenüber verständlich zu machen?
Zunächst: sich selbst wahrnehmen. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, wissen nicht, wie sie sich bewegen. Sie halten die Luft an, wenn sie nervös sind. Sie spannen die Schultern an, wenn sie konzentriert sind. Sie weichen dem Blick des Pferdes aus, wenn sie unsicher sind. Das Pferd liest das alles – in Echtzeit, mit einer Präzision, die wir uns kaum vorstellen können.
Der erste Schritt ist also nicht, dem Pferd etwas beizubringen. Der erste Schritt ist, sich selbst zu beobachten.
Was kommt danach?
Dann kommt Geduld. Echte Geduld. Nicht die Art von Geduld, die man aufbringt, während man innerlich schon beim nächsten Schritt ist. Sondern das Innehalten, das Zuhören. Pferde kommunizieren in Nuancen. Eine Ohrbewegung, ein leichtes Wegdriften des Gewichts, ein kurzes Kauen – das sind Antworten. Wer sie nicht sieht, führt kein Gespräch. Der monologisiert.
Natürliche Horsemanship: Zwischen Methode und Missverständnis
Das Stichwort „Natural Horsemanship" ist in der Pferdebranche allgegenwärtig – und gleichzeitig massiv missverstanden.
Was hältst du von dem Begriff?
Er ist zu einer Marke geworden. Und wie bei jeder Marke gibt es dahinter sehr Unterschiedliches. Es gibt Ansätze, die ich zutiefst schätze – Trainer und Trainerinnen, die wirklich vom Pferd aus denken, die Ethologie ernst nehmen, die auf Zwang verzichten. Und es gibt Methoden, die sich „natürlich" nennen, aber das Pferd durch Druck und Verunsicherung in Gehorsam treiben.
Das Problem ist: Wenn ein Pferd irgendwann einfach aufhört zu widerstehen, sieht das für viele Menschen wie Vertrauen aus. Aber es kann auch gelernte Hilflosigkeit sein. Das ist ein riesiger Unterschied.
Wie kann man als Laie das unterscheiden?
Schau das Pferd an, nicht den Menschen. Der Mensch kann charismatisch sein, eine tolle Stimme haben, ein schönes Konzept präsentieren. Das Pferd zeigt die Wahrheit. Zieht es sich zurück, wenn der Trainer näherkommt? Zeigt es Anzeichen von Stress – Schwitzen, Schnauben, flache Atmung, Fluchtversuche? Oder kommt es von sich aus, neugierig, entspannt?
Vertrauen sieht man daran, dass ein Pferd die Wahl hätte wegzugehen – und es trotzdem bleibt.
Reitsport und Ethik: Ein schwieriges Verhältnis
Marlitt Wendt scheut sich nicht, auch unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Gerade in der Zusammenarbeit mit dem Pferdehilfe Sonnenhof hat sie immer wieder Pferde erlebt, die aus dem Turniersport kamen – mit teils gravierenden körperlichen und psychischen Schäden.
Was siehst du, wenn du ein Pferd aus dem Leistungssport übernimmst?
Sehr oft: ein Pferd, das verlernt hat, Nein zu sagen. Das bei jeder Berührung zusammenzuckt. Das keine Erwartungen mehr hat – weder positive noch negative. Das ist das Traurigste, was ich kenne. Ein Pferd ohne Neugier, ohne Initiative. Das ist keine Zufriedenheit. Das ist Resignation.
Gibt es Hoffnung für diese Pferde?
Immer. Das ist das Erstaunliche. Pferde sind unglaublich resilient, wenn man ihnen Zeit, Sicherheit und echten Respekt gibt. Ich habe Pferde erlebt, die nach Jahren wieder angefangen haben zu spielen. Die einen Baum beschnuppern, der vorher gar nicht da war. Die auf eine Art aufwachen, die einem das Herz bricht – vor Freude und vor Scham darüber, was ihnen vorher angetan wurde.
Was wir alle mitnehmen können
Das Gespräch mit Marlitt Wendt hinterlässt einen nicht einfach mit Techniken oder Übungen. Es hinterlässt einen mit einer Frage: Bin ich wirklich bereit zuzuhören?
Für alle, die tiefer einsteigen möchten – Marlitt Wendts Bücher sind ein hervorragender Einstieg. Besonders empfehlenswert für Menschen, die gerade beginnen, ihre eigene Beziehung zum Pferd zu hinterfragen. Ihr Ansatz ist wissenschaftlich fundiert, dabei aber niemals trocken. Sie schreibt so, wie sie spricht: direkt, klar, und mit echter Zuneigung zum Tier.
Beim Pferdehilfe Sonnenhof arbeiten wir täglich mit Pferden, die zeigen, was passiert, wenn der Mensch zu lange nicht zugehört hat. Und wir erleben täglich, was möglich wird, wenn das endlich anders wird.